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Das Interview ist am 24.08.2006 in der Ausgabe Nr. 33/34 erschienen.
Der unten stehende Text ist die nur wenig bearbeitete Originalversion des Interviews vor der nachträglichen redaktionellen Bearbeitung.
Hier geht es zu der veränderten abgedruckten Version.
Wie hast Du die Gothic-Szene kennen gelernt? Wodurch kam Kontakt zustande?
Ich bin über die Musik zu Gothic gekommen. Nachdem ich längere Zeit Punk, Metal und NuMetal gehört hatte, bin ich irgendwann mit der Musik von "Lacrimosa" und anderen Gothic-Bands in Berührung gekommen. "Lacrimosa" ist ganz einzigartig für mich, weil es eine sehr gefühlvolle Art von Musik ist und meine Emotionen auch gerade durch die Texte stark berührt wurden. Ich fühlte mich sozusagen 'verstanden', weil meine eigenen Gefühle in den Texten von "Lacrimosa" verarbeitet zu sein schienen.
Was verstehst Du überhaupt unter Gothic? Und was fasziniert Dich daran?
Gothic ist unheimlich vielseitig und ich kann das nur schwer definieren oder eingrenzen. Es ist eine Art gemeinsames Lebensgefühl, das mehrere Ursachen haben kann, aber ähnlich ausgelebt wird. Wie bei anderen Kulturbewegungen ist Musik sicher eine ganz wichtige Komponente, aber für Menschen, die dahinter mehr als nur Musik sehen, weitet sie sich zu einem gemeinsamen Lifestyle aus. In der Gothic-Szene trifft man häufig auf sehr nachdenkliche Menschen, die an ihren Gedanken über die Welt verzweifeln. Gothic bedeutet für viele eine Art Abwendung von dieser negativen Welt. Ausgedrückt wird diese Abkehr dann unter anderem auch durch äußerlichkeiten wie die typische 'schwarze Kleidung', mit der man sich bewußt von der Gesellschaft abgrenzen will. Meiner Meinung nach ist allen diesen 'schwarzen Menschen' gemeinsam, daß sie nach einem tieferen Sinn im Leben suchen, da sie mit dem Leben wie es ist nicht zufrieden sind bzw. nicht zurecht kommen. Für Außenstehende wirken die 'schwarzen Gestalten' vielleicht beängstigend, aber im Grunde ist es meist nur ein Ausdruck ihres schwermütigen, betrübten Innenlebens. Es gibt viele sehr nachdenkliche, melancholische bis depressive Leute in der Szene. Ursachen können viele Dinge sein wie Verletzungen, Depressionen, ängste, Unzufriedenheit mit der Welt. Und das ist auch das, was mich an Gothic fasziniert. Genau wie viele Christen, haben sie verstanden, wie kaputt diese Welt ist und daß es nicht der Sinn des Lebens sein kann, einfach im Strom der Gesellschaft mitzuschwimmen. Nur haben viele noch nicht erkannt, daß der tiefere Sinn, den sie suchen, im Christsein gefunden werden könnte.
Da sprichst du mein Stichwort an. Christsein und Gothic - paßt das zusammen? (Viele denken neben schwarz gekleideten Leuten, sicher an Schmuck mit Totenköpfen, Satan, Friedhofpartys etc.)
Es gibt sehr viele Gemeinsamkeiten mit dem Christsein - vor allem das Bewußtsein über unsere kranke Welt. Nur liegt die Betonung in der Gothic-Szene mehr auf dem Negativen, in vielen Kirchen dagegen liegt das Augenmerk eher auf einer oberflächlichen Harmonie, mehr oder weniger echter Liebe oder anderen Nebensächlichkeiten.
Wird eure Szene oft mit Satanismus gleichgesetzt? Wenn ja, wie reagiert du darauf?
Dieses Vorurteil trifft man leider immer noch in unserer ach so aufgeklärten Gesellschaft an - möglicherweise bevorzugt unter Christen. Aber das ist völliger Quatsch. Menschen, die auffällig aussehen, werden häufig mit Interoleranz und Engstirnigkeit konfrontiert. Es gibt eine Minderheit in der Gothic-Szene, die sich mit Satanismus befasst, aber die gibt es auch im Rest der Gesellschaft. Der Großteil hat mit solchen Themen nichts zu tun. Man sollte nicht versuchen, von dem Outfit eines Menschen auf dessen Glauben schliessen, vor allem wenn man diese Art von Aussehen nicht versteht. Da liegt man dann sehr schnell falsch. Die Gothic-Szene ist im großen und ganzen sehr tolerant und jeder wird in seiner Individualität respektiert. Das ist natürlich eine Verallgemeinerung, aber meiner Erfahrung nach ist die Gothic-Szene noch eine etwas angenehmere, tolerantere Gemeinschaft als viele andere Gruppen unserer Gesellschaft, bei denen man bestimmte Kleidung tragen oder andere Dinge tun muß, um dazuzugehören.
Wie groß bzw. ausgeprägt ist die Gothic-Szene in Deutschland?
Ich kenne keine Zahlen, welche die Größe der Szene beschreiben. Dazu müßte man auch erst mal festlegen, was man als 'Gothic' definiert. Es gibt in den meisten Großstädten Clubs, die Veranstaltungen mit Gothic-Musik im Programm haben und Menschen, die diese Veranstaltungen besuchen. Die Gothic-Szene besteht aber aus weit mehr Menschen als diesen Diskogängern. In Deutschland gibt es im Vergleich zu anderen Ländern relativ viele 'Gothics'.
Das erste, was mir zu Gothic einfällt ist das Wave-Gothic-Treffen. Warst Du schon da? Ist das nicht nur ein Zurschaustellen eines extravaganten Aussehens? Wollen die Gothic-Leute damit auch ein Stück weit provozieren?
Ich war leider noch nie beim Wave-Gothic-Treffen. Das ist auf jeden Fall unter anderem eine Art Schaulaufen - vielleicht so was wie die Love-Parade der Techno-Fans. Provokation spielt natürlich auch eine Rolle, aber nicht die größte. Es ist auch eine Menge ästhetik und Lebensgefühl, was da zum Ausdruck kommt. Man muss bedenken, daß das Schönheitsideal von Menschen, die sich auf diese Art stylen ein ganz anderes ist, als das der 'normalen' Gesellschaft. Aber nichtsdestotrotz gibt es einen Sinn für diese eigenen Schönheitsvorstellungen und eine Art Streben danach. Viele stehen stundenlang vor dem Spiegel, um aus sich ein kleines Kunstwerk zu machen.
Am Anfang erwähntest du die Gemeinsamkeiten zwischen Christen und Gothic. Wie reagieren denn andere Christen, wenn sie erfahren, daß du zur Gothic-Szene gehörst?
Ich bin seit etwa 10 Jahren Christ, mit Höhen und Tiefen... Zur Zeit habe ich keine feste Kirchengemeinde. Meine letzte Erfahrung in dieser Richtung war eine Gemeinde der Jesus Freaks, die ich wegen Differenzen verlassen habe. Ich finde es traurig, daß in so vielen freikirchlichen Gemeinden nicht mehr die Liebe Gottes an erster Stelle steht, auf der sich das Christentum fundamental stützen sollte, sondern oftmals eine überbetonung einzelner Teile der Theologie hervortritt oder gar eigene Theorien hinzugedichtet werden. In vielen Gemeinden bekommt man außerdem Beklemmungen, wenn man sich nicht völlig anpasst - äußerlich wie innerlich. Das hat nichts mit Nächstenliebe zu tun, sondern mit engstirnigen Vorstellungen von doktrinären Menschen. Ich frage mich dann immer, ob den Menschen gar nicht mehr bewußt ist, daß Jesus sich oft mit Außenseitern abgegeben hat.
Gibt es in dieser Szene viele Christen oder bist Du Außenseiter?
Meiner Einschätzung sind die meisten Atheisten oder glauben an sonstige Dinge. Aber es gibt mehr Christen in der Gothic-Szene als man vielleicht denken würde. Doch die Menschen mit Hang zum Okkulten geraten stärker ins Blickfeld. Vielleicht auch weil es medienwirksamer ist, über okkulte Rituale zu schreiben oder sprechen als über Menschen, die an die Auferstehung Jesu glauben. Deshalb habe ich irgendwann eine Homepage für Christen in der Gothic-Szene erstellt. Ich wollte eine Plattform schaffen, wo Leute aus der Szene ihre Fragen, Gedanken über Gott loswerden können. (www.gothic-christen.de)
Vielen Dank für das Gespräch!