Seit meinem 14. Lebensjahr gehöre ich der "Schwarzen Szene" an. Ich habe zwar keine schwarzen Haare (weil es vom Typ nicht passt). Meine Kleidung ist zu 90% dunkel, aber ich habe auch andere Sachen, da ich bald den Beruf der Lehrerin haben werde. Ich kleide mich dezent und eingefleischte Goths erkennen mich auch als eine der ihren. Aus dem Alter, mit Kleidung zu rebellieren und zu provzieren bin ich raus. Trotzdem versuche ich das melancholische und dunkle nach Außen zu tragen.
Ich bin in einer gläubigen, katholischen Familie aufgewachsen. Die meisten empfanden es früher als komisch, dass meine Eltern es nicht störte, dass ich dunkle Kleidung trug und diese Art von Musik hörte.
Ich hatte eine Zeit, in der ich mit Gott abgeschlossen habe. Mein bester Freund verunglückte, als ich 15 Jahr. Ich hatte einen Hass auf Gott, auf Christus und auf alles, was damit zu tun hatte. Ich hörte auf in die Kirche zu gehen. Doch gerade diese Kirche half mir, aus meinem Tief wieder herauszukommen. Meine Eltern arrangierten einen Termin mit unserem Priester, weil sie mir helfen wollten aus meiner tristen Welt herauszukommen. Ich sperrte mich dagegen, doch im tiefsten Inneren, war ich meinen Eltern sehr dankbar.
Und zu diesem Dank bin ich bis heute auch unserem Pfarrer verpflichtet. Unser damaliger Pfarrer kam frisch aus einem Kloster und war früher in Hospizen tätig gewesen. Er machte mich auf verschiedene christlich- mystische Schriften aufmerksam und auf viele Stellen in der Bibel, die mir halfen meinen Kummer zu überwinden und die mir halfen zu Christus und zu meinem ,vorher doch stark vorhandenen katholischen Glauben zurückzufinden. Heute studiere ich auf Lehramt und habe unter anderem das Fach Theologie und bin auch in der Gemeinde als Jugendbeauftragte aktiv. Die Leute haben sich an mich gewöhnt.
Trotzdem fragen mich viele immer wieder, warum ein Goth sowas tut. Diese Frage bekomme ich sowohl von Seite der Goths, als auch von Normalos gestellt. Meiner Meinung nach wiedersprechen sich Christentum und Gothic sein keinesfalls. Ich weiß, dass viele mit Christentum (vor allem mit dem katholischen) nichts anfangen können, weil sie denken, sie müssten sich irgendwem unterordnen. Aber Glauben an Christus ist mehr, als sich dem Papst und kirchlichen Dogmen zu fügen. Wenn man den christlichen Glauben von seinem Ursprung her nimmt, ist das die Religion, die einem am wenigsten vorschreibt. Die einzigen Gebote sind die Liebe zu Gott und die zu seinem Nächsten. Gott liebt uns, auch wenn wir ihn verachten, verwerfen oder Sonstiges. Das Christentum bietet eine unbeschreibliche Ethik und Tiefe, die sich einem aber erst erschließt, wenn man diese ganzen Institutionen erstmal vergisst. Und wenn das geschehen ist, beginnt man, diese Institutionen einfach besser zu verstehen und zu begreifen, dass auch sie nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen haben, weil das eben auch nur fehlbare Menschen sind, die im Laufe der Jahrhunderte, wie der ganze Rest der Menschheit viele Fehler gemacht haben.
Gothics und Christen sind sich sehr ähnlich. Sie suchen nach Antworten, nach einem tieferen Sinn, nach dem Mystischen und Unfassbaren. Und ich denke, dass man das im Christentum auch als Goth erfahren und leben kann.
Ich bin Goth aus Leib und Seele und im Herzen, genauso bin ich aber auch Christ und Katholik. Es ist wahrscheinlich schon sehr ungewöhnlich einen Christen in komplett dunkler Kleidung in der Kirche zu sehen, aber Gott nimmt mich so wie ich bin.
17.10.2006 by Lygia